ASBMR-Highlights

ASBMR 2019 Highlights

Klinische Highlights ASBMR 2019 (20.–23.9.2019, Orlando, FL, USA)
Über 3.000 Teilnehmer aus mehr als 70 Ländern trafen sich zur diesjährigen Jahrestagung der American Society for Bone and Mineral Research (ASBMR) von 20. bis 23.9.2019 in Orlando, Florida, USA. Wie immer gab es zu Beginn der ASBMR-Jahrestagung eine Highlights-Session (20.9.2019), um den Teilnehmerinnen und Teilnehmern eine bessere Orientierung durch das umfangreiche Kongressprogramm zu ermöglichen. Immerhin wurden in Orlando 1.126 Abstracts und Posters präsentiert, zahlreiche „Meet the Professor“-Sessions veranstaltet und Referenten aus aller Welt zu hochkarätigen Vorträgen eingeladen.
Im nachfolgenden Text werden ausgewählte Themen aus dem klinischen Teil der Highlights-Session sowie einige weitere osteologisch relevante Beiträge aus Orlando zusammengefasst. Liegen diese Themen auch als Abstracts vor, wird in kursiver Schrift auf die jeweiligen Nummern im Abstractband der ASBMR-2019-Jahrestagung und auf den Erstautor verwiesen.
Univ.-Prof.Dr.Dimai
© Privat
Die Texte wurden von Knochenspezialist Univ.-Prof. Dr. Hans-Peter Dimai, Klinische Abteilung für Endokrinologie und Diabetologie der Univ.-Klinik für Innere Medizin an der Medizinischen Universität Graz, fachlich vidiert.
Highlights-Session der ASBMR-Jahrestagung
Eröffnet wurde der klinische Teil der Highlights-Session mit einem Blick auf den Burden of Disease, also auf die Krankheitslast bei Osteoporose, im Gastgeberland (#1079; Wright N.). Demnach liegt die Prävalenz (Datensatz von 2010 bis 2014) für Osteoporose bei den über 50-Jährigen in den USA bei 11 Prozent (Frauen: 16,5%; Männer: 5,1%; höchste Prävalenz bei den über 80-Jährigen). Innerhalb des Beobachtungszeitraums gab es eine Reduktion der Gesamtfrakturrate, allerdings einen Anstieg bei den Hüft- und Femurfrakturen. Die direkten Gesamtkosten (2012 bis 2014) für Osteoporose in den USA wurden mit 73,6 Milliarden US-Dollar errechnet (versus 28,1 Milliarden Dollar im Vergleichszeitraum 1998 bis 2000). Fazit: Osteoporose ist nach wie vor eine hoch prävalente und ökonomisch relevante Erkrankung, sodass Aufklärung und Prävention weiter forciert werden müssen.
Klinisches Frakturrisiko
Eine besondere Herausforderung ist die Einschätzung des klinischen Frakturrisikos: Einer Arbeit zufolge gilt auch eine Zunahme des Knochenumsatzes während der Menopause als unabhängiger Risikofaktor für spätere Brüche (#1124; Shieh A). Hochtraumatische Frakturen eignen sich im gleichen Maße wie niedrigtraumatische Indexfrakturen, um das Risiko für osteoporotische Folgefrakturen zu ermitteln (#1154; Leslie W). Auch vertebrale Grad-1-Frakturen (nach Genant) haben eine klinische Relevanz (#1155; Johansson L). Wird eine hochauflösende Computertomographie (HRpQCT) eingesetzt, sollte die volumetrische Knochenmineraldichte am ultradistalen Radius bestimmt werden, denn diese korreliert am besten mit dem Frakturrisiko (#1157; Sundhi D).
Einer schwedischen Studie zufolge, die mit dem ASBMR Young Investigator Award ausgezeichnet wurde, kann die Implementierung eines Fracture Liasion Service (FLS) das sekundäre Frakturrisiko nachweislich senken (median 21% im ersten Jahr nach einer Fragilitätsfraktur). Das älteste Kohortendrittel profitierte besonders von einem solchen strukturierten Versorgungsprogramm (#1126; Axelsson K).
Osteologie und Hyperglykämie
Mögliche Zusammenhänge zwischen der grassierenden „Adipositas-Epidemie“ und dem Knochenstoffwechsel rücken zunehmend in den Fokus des Interesses. Eine Arbeit beleuchtete den Stellenwert von Lipocalin-2 (#1055; Petropoulou P-I). Dieses anorexogen wirksame Hormon wird postprandial von Osteoblasten sezerniert, kann die Blut-Hirn-Schranke passieren und sendet im Hypothalamus ein Sättigungssignal aus. Bei adipösen Patienten sind die Lipocalin-2-Spiegel deutlich niedriger als bei normalgewichtigen Personen. Am Primatenmodell führte die externe Zufuhr von Lipocalin-2 zu einer Reduktion der Nahrungsmittelaufnahme um 21 Prozent. Die Autoren merken an, dass solche Forschungsergebnisse zu den Sättigungsregelkreisen dazu beitragen können, die komplexe metabolische Dysregulation bei Adipositas weiter zu entschlüsseln, womit sich wiederum neue therapeutische Möglichkeiten eröffnen könnten.
Thematisch passend war eine Präsentation aus dem „Basic Science“-Teil der Highlights-Session zum Thema Diabetes und Knochen (#1141; Llabre J): Die Autoren zeigen am Modell einen weiteren Risikofaktor für die Bildung von AGEs (advance glycation end-products) auf. Diese beeinträchtigen sowohl die Osteoklasten- als auch die Osteoblastenaktivität und gelten als wesentliche Ursache für die Diabetes-assoziierte Osteoporose. Demnach führen nicht nur eine hochkalorische Diät, sondern auch zirkadiane Rhythmusstörungen zu einer Hyperglykämie mit beschleunigter Produktion von AGEs.
Kalzium und Vitamin D
Kalzium und Vitamin D gelten als Basistherapeutika bei Osteoporose. Einer sekundären Auswertung der „Calgary Vitamin D Study“ zufolge führt die Supplementierung mit Vitamin D3 (untersucht wurde die einmal tägliche Supplementierung mit 400IE, 4.000IE oder 10.000IE über drei Jahre bei gesunden Erwachsenen zwischen 55 und 70 Jahren) zu keiner Erhöhung der vaskulären Kalzifizierung (#1076; Billington E).
Zu ähnlichen Ergebnissen kam eine randomisierte klinische Studie zur Kalziumsupplementierung (#1075; Morin SN; prämiert als „Most Outstanding Clinical Abstract“ des ASBMR 2019): 121 gesunde postmenopausale Frauen führten entweder 1.200mg Kalzium täglich mit der Nahrung zu, oder sie erhielten additiv zu 450mg-Nahrungskalzium eine 750mg-Supplementierung, oder es gab keine Intervention. Der Beobachtungszeitraum betrug zwölf Monate. Fazit der Autoren: In diesem relativ kurzen Zeitraum waren die Effekte von Nahrungsmittelkalzium vergleichbar mit der Supplementierung, und es kam auch im Vergleich zur Kontrollgruppe nicht zu einer erhöhten Steifigkeit der Aorta, zu einer Verdickung des Intima-Media-Komplexes an der Karotis oder zu einer Erhöhung der Serumbiomarker. In einem Late-Breaking-Abstract (#LB-1168; Lewis J) wurde dargestellt, dass eine tägliche Supplementierung mit 1.200mg Kalzium auch nach fünf Jahren weder die Entwicklung noch die Progression der Kalzifizierung der abdominellen Aorta fördert (doppelblinde, randomisierte und Placebo-kontrollierte Studie an über 70-jährigen Patientinnen; n=1.460).
Surrogatmarker
Schwerpunkt eines weiteren Blocks im Rahmen der klinischen Highlights-Session waren Osteoporose-Therapeutika und -Therapieaspekte. So wurden, basierend auf einer Meta-Regressionsanalyse von 22 Osteoporosestudien, Grenzwerte des Surrogatmarkers Knochenmineraldichte ermittelt, die eine Frakturreduktion abbilden könnten (#1090; Eastell R). Demnach korrelieren nach 24 Monaten Veränderungen der Knochenmineraldichte von 1,7 Prozent (Wirbelkörper), 4,6 Prozent (Hüfte) und 3,2 Prozent (nicht vertebrale Frakturen) mit einer Frakturreduktion. Diese Erkenntnisse könnten das Design von künftigen klinischen Studien beeinflussen, kommentieren die Autoren.
Ergänzend sei auf eine Studie verwiesen (#LB-SAT-1043; Bravo Martín N), in der, zumindest bei einer kleinen Kohorte unter Behandlung mit dem RANKL-Inhibitor Denosumab, dargestellt werden konnte, dass die Bestimmung der Knochenmineraldichte mittels DXA sensitiver als die DXA-basierte Messung des TBS (trabecular bone score) war, um Fortschritte im Therapieerfolg zu detektieren. Die Autoren merken jedoch an, dass diese Beobachtung in größeren und klinischen Studien untersucht werden müsse.
Romosozumab ante portas
Schließlich wurde der rasche Einfluss des Sklerostin-Antikörpers Romosozumab auf die Knochenneubildung dargestellt (#1049; Eriksen EF). Romosozumab wurde in den USA bereits im Frühjahr 2019 zugelassen, in Europa befindet sich die Substanz bei der European Medicines Agency (EMA) in neuerlicher Begutachtung, nachdem die Erstbegutachtung negativ verlaufen war. Aus der beim ASBMR 2019 vorgestellten Biopsie-Subanalyse der FRAME-Studie geht hervor, dass die Zunahme der Knochenneubildung in den ersten zwei Monaten einer Romosozumab-Therapie vor allem auf der Zunahme der MBBF (modeling based bone formation) in den trabekulären und endokortikalen Kompartimenten beruht, die periostalen Knochenanteile bleiben unverändert.
Knochen und Niere
In einer Metaanalyse wurde untersucht, wie sehr Niereninsuffizienz (CKD, chronic kidney disease), die bekanntermaßen den Mineralstoffwechsel beeinträchtigt, das Frakturrisiko beeinflusst (#1071; Vilaca T). Der Cut-off-Point für CKD wurde mit einer eGFR von 60ml/min angegeben, wobei auch Dialysepatienten inkludiert waren, und die knapp sechs Millionen erfassten CKD-Patienten mussten über 18 Jahre alt sein.
Demnach war in dieser CKD-Population das Risiko für Hüftfrakturen um das 2,38-Fache und das Risiko für nicht vertebrale Frakturen um das 1,53-Fache erhöht. Weiterführende Berechnungen zum Hüftfrakturrisiko zeigen zudem, dass das Risiko bei den unter 65-Jährigen und mit fortschreitender CKD zunahm.
Osteoonkologie
Gynäkologe Univ.-Prof. Dr. Peyman Hadji, Frankfurt/Main, beleuchtete in seinem Vortrag den klinischen Zugang zu nicht malignen und malignen Knochenschmerzen (Session „Bone Pain“ am 23.9.2019). Häufigste Ursachen für Knochenschmerzen, die über Nozizeptoren vor allem im Periost und in CGRP(Calcitonin Gene-Related Peptide)-sensorischen Nervenfasern an der Knochenoberfläche und im Knochenmark vermittelt werden, sind Osteoporose, Knochenbrüche sowie metastatische Knochenschmerzen bzw. knochenbezogene Ereignisse (skeletal related events; SRE). Onkologische SRE werden besonders häufig beim Mamma- und Prostatakarzinomen und bei Sarkomen beobachtet und imponieren klinisch sowohl als neuropathische als auch als inflammatorische Schmerzen.
Je nach Ursache, Lokalisation und individuellen Bedürfnissen unterscheiden sich die Behandlungsmöglichkeiten. Während bei Rückenschmerzen erstaunliche Erfolge mit Kypho- und Vertebroplastien erzielt werden, können bei anderen Patienten gute Erfolge mit Strahlentherapie, mit Analgetika unterschiedlicher Klassen, aber auch beispielsweise mit antiresorptiven Substanzen wie Bisphosphonaten oder Denosumab erzielt werden. Im palliativen Setting müsse, so Prof. Hadji, die Schmerztherapie jedenfalls intensiviert werden, sofern die Maßnahmen toleriert werden. Spezifische Empfehlungen zur Therapie von onkologischen Knochenschmerzen gibt es beispielsweise seitens der ESMO, der European Society for Clinical Oncology (Ripamonti, Ann Oncol 2012).
Forschung aus Österreich
Eine österreichische Arbeitsgruppe hat untersucht, ob sich Knochenmarködeme, die normalerweise mittels Magnetresonanztomographie (MRI) befundet werden, auch am herkömmlichen Röntgenbild darstellen lassen (#SUN-151; Dimai HP)*). Denn der Zugang zu MRI-Untersuchungen ist im klinischen Alltag oft limitiert.
Tatsächlich gelang der Nachweis von Knochenmarködemen am konventionellen Röntgenbild, wenn AI(Artificial Intelligence)-Software eingesetzt wurde. In Zeiten des zunehmenden Kostendrucks im Gesundheitswesen könnte der Einsatz dieser AI-Software beitragen, teure MRI-Untersuchungen zu vermeiden und stattdessen konventionelle Röntgenaufnahmen zur Befundung heranzuziehen. Dieses niedrigschwellige Verfahren könnte auch die Zeitspanne bis zur Diagnose und Therapie verkürzen.
  • *)Poster Nr. 151, ASBMR 2019
  • Titel: Artificial Intelligence (AI) Can Detect Bone Marrow Lesions (BMLs) on Plain Radiographs.
  • Autoren: Dimai HP, Paixão T, Bertalan Z, Ljuhar R, Goetz C, Ljuhar D, Nehrer S, Fahrleitner-Pammer A, Kurth A.